Fanta

 

Vier Löffelhunde werden unabhängig

 

Am 10 November 2002 wurden in einer Bruthöhle nahe unseres Farmhauses vier Löffelhund Welpen geboren. Drei Wochen später begannen wir mit unseren Beobachtungen und erhielten einen Einblick in die Kinderstube der Groß-Ohrigen.

Diese Möglichkeit verdanken wir insbesondere dem bedingungslosen Vertrauen, welches die Mutter, Fanta, uns entgegenbringt. Wir sahen die ausgelassenen Spiele der Welpen um die Höhle herum, erlebten ihren ersten nächtlichen Ausflug und mussten feststellen, dass die vier Geschwister trotz unserer beharrlichen Anwesenheit, keine stärkere Bindung zu uns aufbauten. Aus diesem Grunde hatten wir Ende Januar beschlossen den kleinen Löffelhunden Katzentrockenfutter anzubieten. Dies sollte sich später als eine unsere besten Ideen erweisen, da der daraus entstandene Futterplatz mittlerweile ein wichtiges Hilfsmittel für unsere Arbeit darstellt.

So wie auch aus braven Kindern irgendwann aufsässige Teenager werden, so entwickeln sich auch süße, tapsige Löffelhunde zu herumstreunenden Wilden. Die Bruthöhle verliert ihre Bedeutung als Unterschlupf und die Mutter sieht sich nur noch hinterherlaufen, anstatt die Nachkommen sittsam anzuführen. Dieser wichtige Lebensabschnitt nahm seinen Anfang Ende Januar mit Einsetzen der ersten stärkeren Regenfällen.

 

 

Ein großer Schritt in die Wildnis

 

Am 26. Januar, elf Wochen nach der Geburt der Welpen, bieten wir ihnen zum ersten Mal Trockenfutter an. Da die Welpen durch Fantas Bemühungen (es ist sicherlich einfacher einen Vogel zur Höhle zu tragen, als eine Schnauze voll kleiner Bröckchen) schon damit in Berührung gekommen waren, dauert es nicht lange, bis der mutigste die ersten Happen probiert. Zwei Tage später hat auch beim Kleinsten der Appetit über die Angst gesiegt.

Über Auslegen und Zuwerfen kamen wir schließlich zu dem Punkt, an dem die jungen Löffelhunde mir aus der Hand fraßen. Bei dieser Gelegenheit begann ich, ihnen mit der freien Hand über ihr weiches Fell zu streichen. Schließlich gelang es mir auf diese Weise, einen etwas engeren Kontakt zu den Welpen herzustellen. Dies nutzte ich um die Geschlechter der Geschwistergruppe festzustellen, welche sich aus drei Rüden und einer Hündin zusammensetzen.

 

Allerdings reagierten die vier ganz unterschiedlich auf meine Annäherung. Während der größte (den ich aufgrund seines Mutes „Braveheart“ genannt habe) sich manchmal auch bei anderen Gelegenheiten von mir streicheln ließ, so haben es die anderen zwei zumindest beim Fressen geduldet, während der Kleinste doch immer wieder vor meiner Hand zurückschreckte.                   

Mittlerweile ist die Familie schon früher am morgen aktiv als in den Wochen zuvor. Meist sind sie dann westlich der Höhle in der Nähe unseres Grenzzaunes anzutreffen. Schon vorhandene Durchgänge erlauben ihnen hier das Farmgelände unter dem Zaun hindurch zu verlassen und mit jedem Tag scheint sie ihr Abenteuersinn weiter zu treiben.

Ende Januar setzten auch die ersten kräftigeren Regenfälle der Regenzeit ein. Die gab uns die Gelegenheit zu beobachten, dass die Welpen während des Regens nicht Unterschlupf in ihrer Bruthöhle suchten. Im Gegenteil, sie schienen die Höhle und deren Umgebung zu meiden und kehrten meistens erst einen Tag später zurück. Diese Beobachtung erfüllte uns mit Erleichterung, da wir bei jedem Regenguss um das Leben der Welpen fürchteten. Hierbei muss man wissen, dass die Höhlen, im weichen Sandboden gebaut, bei Regen nicht nur voll Wasser laufen können, sondern durch den schwerer werdenden Sand auch häufig einstürzen. Doch instinktiv mieden die Welpen und Fanta die Höhle an regnerischen Tagen und  damit begann für sie ein neuer Lebensabschnitt. Denn mit Einsetzen des Regens verlor somit die Bruthöhle ihre Bedeutung als Unterschlupf und Fluchtpunkt für die Welpen.

Der Regen brachte aber noch einen weiteren Nebeneffekt. Schlagartig vermehrten sich sämtliche Insekten, Käfer, Motten, Tausendfüßler und viele mehr. Damit fanden Fanta und ihre Welpen nun einen reichlich gedeckten Tisch im Feld und waren auf unser dargereichtes Katzenfutter nicht mehr angewiesen. So kam es, dass wir Mitte Februar zum ersten Mal zwei Tage lang weder Fanta noch die Welpen zu Gesicht bekamen. Von da ab sahen wir die Familie nur noch sporadisch und konnten nur anhand der Spuren ahnen, wo sie sich aufhielten.

 

Fanta erhält ein Sendehalsband

 

Anfang März bescherte uns eine Hitzewelle Temperaturen von über 35 Grad Celsius im Schatten. Dies hatte die Folge, dass unsere Löffelhundfamilie nur noch nach Sonnenuntergang aktiv wurde und wir sie immer seltener bei tageslicht antrafen. Nur ihre Spuren verrieten uns ihre nächtlichen Besuche an der Futterstelle. Aus diesem Grunde beschlossen wir Fanta nun mit einem Sendehalsband auszustatten, welches uns erlauben sollte ihre Spur im Feld aufzunehmen.  Da Fanta zu der Zeit aber keinen Drang verspürte uns im Farmhaus zu besuchen, begaben wir uns am Dienstag den 11. März bewaffnet mit einem Sendehalsband und begleitet von Malta auf einen Spaziergang in die Umgebung, wo wir Fanta und die Welpen tagsüber vermuteten. In der selben Gegend hatte ich in lange vergangenen Monaten ausgiebige Spaziergänge mit Fanta und Malta unternommen.

Es dauerte auch nicht lange bis wir etwa ein Kilometer südlich des Farmhauses auf Fanta und die Welpen stießen. Nachdem Fanta uns freudig begrüßt hatte, war das Anlegen des Halsbandes mit Hilfe von vielen Streicheleinheiten und Trockenfutter schnell vollbracht. Fanta reagierte auf das ungewohnte Gewicht mit tollkühnen Sprüngen in die Luft, mit denen sie versuchte das Halsband wieder loszuwerden. Doch diese gingen schnell in ebenso wirkungsloses Kopfschütteln über und schon bald hatte sie sich an ihr Halsband gewöhnt.

Wieder hatten wir eine großen Schritt nach vorne innerhalb unserer Forschungsarbeit getan. Mit Hilfe des Signals aus Fantas Halsband sind wir nun in der Lage sie im Feld auf-zuspüren. Die daraus gewonnen Koordinaten geben eingetragen in unsere Farmkarte einen Hinweis auf die Größe des Gebietes, welches Fanta durchwandert. Im Verlaufe der anschließenden Wochen  konnten wir somit feststellen, dass sich dieses Gebiet immer weiter ausdehnte aber sich hierbei nach dem Verlauf eines kleinen Dünengebietes richtete.         

 Die Familie beginnt sich zu trennen

 

Schon bald konnten wir beobachten, dass sich Fanta nun nicht immer in Begleitung aller ihrer Welpen befand. Anfang April, als die Welpen fünf Monate alt waren, stand für uns fest, dass sich die Familie in zwei Gruppen aufgeteilt hatte. Wir konnten immer drei der Welpen zusammen beobachten, während der vierte sich in Fantas Nähe aufhielt. Aufgrund unseren Beobachtungen wissen wir, dass zwei der Dreiergruppe Rüden sind. Deshalb nehmen wir an, dass sich die drei Brüder zusammengetan haben. Während ihre Schwester in Fantas Begleitung geblieben ist.

Es ist nicht untypisch für Löffelhunde, dass sich Töchter dem Elternpaar anschließen und dann auch von dem Vater gedeckt werden können. Was nun das Verhalten ihrer Brüder betrifft, so ist das Überleben für heranwachsende Jungtiere, welche sich von ihren Eltern abnabeln in der Wildnis immer mit vielen Gefahren verbunden. Deshalb ist die Bildung einer Überlebens-Gemeinschaft durch Brüder in der Tierwelt nicht unbekannt und wird zum Beispiel auch bei Geparden beobachtet.      

Um die weitere Entwicklung von Fantas Nachkommen verfolgen und dokumentieren zu können, wollen wir auch diese mit Sendehalsbänder ausstatten. Dies ist aber erst möglich, wenn sie vollständig ausgewachsen sind. Daher hoffen wir, dass unsere vier Löffelhund-Geschwister trotz ihrer Wanderlust immer wieder zu unserem Futterplatz zurückkehren werden.   

 

Das innerliche Loslassen

 

Es ist nicht leicht, die notwendige Objektivität zu behalten, wenn man so viele Stunden mit vier kleinen Löffelhund-Welpen mit großen Teddybär-Knopfaugen verbringt.

Viel zu schnell verging die Zeit, in der sie um ihre Wurfhöhle herum gespielt, oder wir sie auf ihren ersten Ausflügen begleitet haben. Nun sind sie dabei die große Weite des afrikanischen Busches zu entdecken und haben uns schon längst abgeschüttelt. Und so bangen wir nun um das Überleben von Fantas Welpen, welche nicht nur ohne unsere, sondern allzu oft auch ohne Fantas Begleitung die Wildnis erkunden.

Auch wenn kaum mehr größere Raubtiere in dieser Umgebung existieren, so gibt es doch noch viele weitere Gefahren für heranwachsende Löffelhunde, die ihre ersten Schritte in die Unabhängigkeit machen. Giftige Schlagen, die nicht wirklich Spaß verstehen schnelle Autos auf der Staubstraße (Pad), Wilderer, mit Appetit auf Löffelhundfleisch oder Jäger, die in der Dunkelheit nicht immer zwischen Schakal und Löffelhund unterscheiden.

Zur Zeit liegt wahrscheinlich die größte Gefahr in der Staubstraße D804, welche etwa einen Kilometer westlich unseres Farmhauses verläuft. Denn aufgrund unserer Beobachtungen wissen wir, dass Fanta ihr Gebiet über diese Pad hinweg ausgedehnt hat.    

Auch für Fanta besteht diese Gefahr und jede Nacht, in der sie nicht in unser Farmhaus zurückkehrt verbringen wir in Sorge um sie. Als wir Fanta vor mehr als einem Jahr bei uns aufgenommen hatten, taten wir dies mit der Absicht, ihr die Rückkehr in die Wildnis zu ermöglichen und auch wenn sie immer noch zu uns zurückkommt, so verbringt sie doch mittlerweile den größten Teil ihrer Zeit in der Freiheit. 

Obwohl wir uns für sie und ihre Welpen freuen, so vermissen wir sie doch als unsere groß-ohrige Begleiterin. Mit der Freude, Fanta und ihre Welpen in der freien Wildbahn beobachten zu dürfen, mischt sich immer das Wissen um die Gefahren.